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Tübingen/Reutlingen:

Nicht mehr verhältnismäßig - Zuggäste ohne Verständnis für den 9. Bahnstreik

Stand: 20.05.15 17:54 Uhr

Seit Ende des letzten Bahnstreiks sind noch nicht einmal zwei Wochen vergangen. Doch heute streikt ein Großteil des Zugpersonals schon wieder - diesmal auf unbestimmte Zeit. Die GDL fordert unter anderem 5 Prozent mehr Lohn für das Zugpersonal, eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit und eine Begrenzung der Überstunden. In den Augen der Streikenden ist der Ausstand die einzige Möglichkeit, sich beim Arbeitgeber durchzusetzen. Doch was halten die betroffenen Fahrgäste davon? - Eine nicht repräsentative Umfrage in Tübingen und Reutlingen.


Nahezu gähnende Leere, wo normalerweise reger Verkehr herrscht. Am Tübinger Bahnhof fahren die Züge nur eingeschränkt – viele nur einmal pro Stunde. Manche Verbingungen fallen ganz aus. Beim letzten Bahnstreik äußerten vielen Betroffene noch Verständnis. Jetzt nicht mehr.

Einem Mann in der Bahnhofhalle fehlen nach den vergangenen Monaten quasi die Worte. Sein Statement: Er werde sich in Zukunft überlegen, wie er zur Arbeit komme - aber bestimmt nicht mit der Bahn. 

Eine Dame mit nasser Regenjacke sei auf den Streik nicht vorbereitet gewesen, da sie nicht oft mit dem Zug fahre: "Jetzt fährt der Bus in einer Stunde, das Taxi kostet 25 Euro, ich bin ganz nass vom Radfahren. Eigentlich käst es mich ziemlich an."

Ein junger Mann findet den Streik in keinem Fall mehr verhältnismäßig. Besonders, wenn man Pendler sei, wenn man zwei, drei Stunden am Tag zur Arbeit fahren müsse und jetzt vier Stunden brauchen würde – langsam sei es genug.

Für die Bäckerei Gulde im Tübinger Bahnhof sei der Streik furchbar, weil die Verkäuferinnen einfach keinen Umsatz mehr hätten – so die Bezirksleiterin Sarah Dannecker. Sie müssten Personal einsparen und die Damen kömen nicht mehr auf ihre Stunden. Dadurch habe also auch das Personal Verluste. Von der Ware her sei es furchtbar. Die Verkäuferinnen müssten sehr viel rausschmeißen. Und sie würden ja auch nicht wissen, wie lange der Streik dauern werde.

Aber nicht nur wartende Bahnkunden waren am Bahnhof anzutreffen. Auch Streikende selbst hatten sich trotz des schlechten Wetters vor dem Gebäude versammelt. Mitleid mit den Betroffenen haben sie schon: Für die Bahnkunden sei es "definitiv bescheiden" – so Sebastian Rotter, Ortsgruppenvorsitzender GDL Tübingen. Allerdings spiele der Arbeitgeber ein fieses Spiel mit dem Zugpersonal und das sei halt die einzige Möglichkeit, wie sie als Arbeitnehmer darauf reagieren könnten.

Ein ähnliches Bild am Bahnhof in Reutlingen: auf der einen Seite leere Bahnsteige, leere Anzeigentafeln. Am benachbarten Gleis strömen die Menschen zu Scharen in einen der wenigen fahrenden Züge. Auch hier ist der Frust groß:

"Der neunte Streik in den letzten sechs Monaten", glaubt ein junger Mann. Das sei schon ein bisschen, eigentlich relativ zu viel.

Auch eine ältere Dame findet das Vorgehen nicht mehr richtig: Andere Leute würden auch nicht viel verdienen. Sie finde, dass es ist eine Schikane sei für diejenigen, die berufstätig sind. Und beim Ausstand über Pfingsten seien dann die die Leidtragenden, die irgendwas gebucht hätten. Richtung Norden solle ja gar nichts fahren. Daran würden dann die Hoteliers leiden oder andere, die auch etwas verdienen wollten.

Ein älterer, äußerst gefrusteter Mann habe gerade seine Karte zurückgegeben. Er wollte am Samstag nach Straßburg. Das gehe jetzt nicht.

Wie lange der aktuelle Streik dauern soll, ist noch nicht klar. Die Gewerkschaft hat aber versprochen, das Ende mindestens zwei Tage vorher anzukündigen. Ob sich die Beteiligten in absehbahrer Zeit einigen können und der neunte damit dann auch der letzte Streik ist, bleibt abzuwarten.

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Mittwoch, 22. April 2015
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Einerseits geht es konkret um die Forderung nach 5 Prozent mehr Lohn und etwas weniger Arbeitszeit. Andererseits aber ist es der Machtkampf der relativ kleinen Gewerkschaft GDL und ihres Vorsitzendenden, die bisher dem Namen entsprechend nur rund 20 000 Lokführer vertritt. Die kleine GDL möchte das aber ändern und auch für die rund 17 000 Zugbegleiter, Servicepersonal und andere, die in Zügen tätig sind, sprechen. Die werden aber bisher von der größeren Gewerkschaft EVG vertreten. Die Bahn als Arbeitgeber möchte hingegen einen Verhandlungspartner pro Berufsgruppe. Das war bisher die EVG - und das will GDL Vorstand Claus Weselsky mit aller Macht ändern. Deshalb wird derzeit bei der Bahn seitens der Lokführer wieder massiv gestreikt. Gesten schon im Güterverkehr. Ab heute auch im Personenverkehr. Vielerorts - und auch in der Region - gab es Zugausfälle und Verspätungen. Das große Chaos blieb aber aus. [Weiterlesen]
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