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"Verpflichtung, die Rechtsordnung zu achten" - Merkel über Gott, Christentum und die monotheistischen Religionen

"Alle Religionen können nur gut zusammenleben, wenn sie auf dem Boden des Grundgesetzes arbeiten." Das sagte Bundeskanzlerin Merkel diese Woche im Videopodcast: Die Religionen hätten natürlich die Religionsfreiheit als Schutzraum. Gleichzeitig hätten die Religionen natürlich auch die Verpflichtung, die Rechtsordnung der Bundesrepublik zu achten. Merkel sagte, sie halte es "für ganz wichtig, dass wir eine gute Allgemeinbildung haben über die monotheistischen Religionen, aber vor allen Dingen auch über die Wurzeln des Christentums, des Judentums." Diese beiden Religionen hätten unsere Kultur in Deutschland und in Europa auch ganz wesentlich geprägt.

Hier das vollständige Interview aus Merkels Videopodcast. Die Fragen stellte Sara Han, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Katholische Theologie der FU Berlin:

Frau Bundeskanzlerin, Ende nächster Woche empfängt Sie Papst Franziskus zum zweiten Mal zu einer Privataudienz. Welche Bedeutung besitzt für Sie eine Privataudienz beim Papst, der höchsten Autorität der Katholischen Kirche, als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland?

Ich freue mich natürlich über die Möglichkeit. Dass ich diese Möglichkeit zum zweiten Mal habe, hängt damit zusammen, dass Deutschland jetzt die Präsidentschaft unter den G7-Ländern hat, das heißt, sieben führenden Industrieländern. Und ich glaube, gerade angesichts der Themen, für die sich der Papst interessiert – Armutsbekämpfung, Klimaschutz und viele andere Fragen – könnte unsere Agende für diese G7-Präsidentschaft von großer Bedeutung sein. Für uns spielt zum Beispiel das Gesundheitsthema eine große Rolle. Wir haben jetzt neue Mittel gesammelt, um die Impfallianz für Kinder – Gavi genannt – auch fortsetzen zu können. Ich glaube, alle diese Themen werden ihn interessieren. Und ich freue mich, dass dies Themen sind, die für den Papst auch von großer Wichtigkeit sind.

Im November 2014 hat Papst Franziskus vor dem EU-Parlament die europäische Flüchtlingspolitik kritisiert und gemahnt, dass das Mittelmeer nicht zu einem großen Friedhof werden dürfe. Er sprach von einem Fehlen gegenseitiger Unterstützung der EU-Mitglieder sowie von einer Nicht-Berücksichtigung der Menschenwürde. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

So eine Kritik wiegt natürlich schwer. Und in der Tat ist die Situation auf dem Mittelmeer auch sehr unbefriedigend. Wir haben große Ströme von Flüchtlingen – viele, viele Menschen, die über das Mittelmeer kommen. Das ist die größte Zahl, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg jemals erlebt haben. Und ich denke, wir müssen zweifach vorgehen:

Wir müssen auf der einen Seiten den Flüchtlingen dort, wo sie ankommen, vernünftige Bedingungen bieten und auch eine Fairness zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union entwickeln; darüber sprechen die Innenminister. Gleichzeitig müssen wir aber die Fluchtursachen auch in den Herkunftsländern bekämpfen; denn wir können natürlich nicht allen Menschen helfen, deren Lebensbedingungen schlechter sind als die in Europa.

Und deshalb ist es ganz wichtig, für politische Stabilität zu arbeiten. Ich nenne das Beispiel Libyen: In Libyen sind die staatlichen Strukturen zur Zeit sehr, sehr schwach. Ich nenne das Beispiel Eritrea: Viele Menschen in Eritrea – gerade die jungen Menschen – wollen aus diesem Land fliehen. Und wir müssen durch Entwicklungshilfe, durch politische Kooperation, auch durch Unterstützung der Afrikanischen Union versuchen, die Fluchtursachen einzudämmen.

Den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet das Verhältnis des Christentums zum Judentum, und als Berlinerin habe ich selbstverständlich auch privaten Kontakt zu Musliminnen und Muslimen. In den letzten Jahren mehrt sich bei den Gläubigen der monotheistischen Religionen der Eindruck, dass ihre Praxis des Glaubens immer mehr in Frage gestellt wird. Können Sie die Sorgen dieser Menschen verstehen?

Ich glaube, es ist unbestritten, dass wir eine wachsende Säkularisierung haben, also immer mehr Menschen, die sich gar keiner Religion verbunden fühlen. Und das führt dazu, dass die, die früher ganz selbstverständlich mehrheitlich waren und zum Beispiel in die Kirche gegangen sind, dass die heute an manchen Stellen schon in die Minderheit geraten. Und deshalb ist es ganz wichtig, dass wir eine gute Allgemeinbildung haben über die monotheistischen Religionen, aber vor allen Dingen auch über die Wurzeln des Christentums, des Judentums, die ja unsere Kultur in Deutschland und in Europa auch ganz wesentlich geprägt haben.

Genauso, wie wir natürlich eine große Toleranz zu dem Islam haben, der noch nicht so lange bei uns zu Hause ist – jedenfalls nicht mit vier Millionen Menschen, die im Grundsatz dem islamischen Glauben verpflichtet sind. Eins muss klar sein: Alle Religionen können nur gut zusammenleben, wenn sie auf dem Boden des Grundgesetzes arbeiten und dort natürlich die Religionsfreiheit als Schutzraum haben, aber gleichzeitig natürlich auch die Verpflichtung, die Rechtsordnung der Bundesrepublik zu achten.

Aktuell steht das Thema „Religion" wieder auf der Tagesordnung; gleichwohl wird kaum über den Glauben und was er an Gutem bedeuten kann, gesprochen. Papst Franziskus warnt, der Glaube dürfe nicht allein zu einer „Kulturangelegenheit" werden. Darf ich Sie fragen, was Ihnen Ihr Glaube im Alltag bedeutet, und zwar nicht nur als Politikerin, sondern auch als Naturwissenschaftlerin?

Ja, ich glaube, Papst Franziskus hat sehr Recht. Es geht hier nicht darum, dass wir irgendeine kulturelle Schilderung geben, sondern Glauben betrifft ja jeden einzelnen Menschen. Und ich persönlich gehöre der evangelischen Kirche an, bin also Christin. Und das ist natürlich in der Frage der eigenen Lebensführung eine wichtige Sache, wenn ich davon überzeugt bin, dass es jenseits meiner Existenz und der Existenz der Menschen, mit denen ich zusammenlebe, doch einen Gott gibt, der mein Leben geschaffen hat und der auch – sozusagen – eine Ebene bildet, die mir Orientierung gibt; die mir Halt gibt und die mir auch Zutrauen gibt; die mich auch auffängt – dadurch, dass ich auch als Mensch weiß, ja, dass ich Fehler mache. Und dass ich deshalb nicht nur bekümmert sein muss – natürlich mich bemühen muss, besser zu werden –, aber doch auch aufgefangen und aufgehoben bin in den Zeiten, in denen man einmal nicht stark, sondern vielleicht auch schwach ist. Und das ist für mich eine große Beruhigung.

(Bundeskanzleramt)

(Zuletzt geändert: Samstag, 14.02.15 - 13:22 Uhr   -   2168 mal angesehen)
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