Der Keller ist alles, was von dem ursprünglichen Gebäude übrig ist. Bis heute kann man hier Brandspuren sehen. Die Steine überstanden das Feuer, nur die hölzerne Decke verkohlte. Zusammen mit dem Rest des Hauses wurde sie aber schon kurz nach dem Feuer wieder aufgebaut.
"Wir haben Fälldaten von den verwendeten Hölzern. 1726/27. 1726 war der Stadtbrand. Dann ahnt man, wann zumindest das Baumaterial wenigstens vorhanden war." Bauforscher und Archäologe Tilmann Marstaller erklärt, dass andere Gebäude in der Innenstadt sich klar auf 2 bis 3 Jahre nach dem Stadtbau datieren lassen. "Also es ist davon auszugehen, 1727/28 entstand hier ein zweigeschossiges Gebäude mit einem zweigeschossigen Dach. Relativ klein, übersichtlich."
Gut 1200 Familien waren plötzlich obdachlos, 900 Häuser mussten ersetzt werden. Das Geld hatte Reutlingen dafür nicht. Also schickte die Stadt Gesandte überall ins Reich, die um Spenden baten. Die Methode was überraschend erfolgreich, so Marstaller: "Man hat zum Beispiel Bauhölzer kostengünstig erwerben können, beziehungsweise auch geschenkt bekommen. Die wurden dann überwiegend interessanterweise im Schwarzwald eingeschlagen, dann über den Neckar verflößt, hier eintransportiert. Und dann ist man notgedrungen schwäbisch sparsam, man sägt die Hölzer hier auf."
Der Prozess, die Stämme in einer Mühle auf Passform zu sägen, war modern für die Zeit. Aufgefüllt wurde das Fachwerk mit allem, was sich finden ließ. Überwiegend war das Bauschutt. Darunter Ziegel, Steine, auch verbranntes Fachwerk der verbrannten vorigen Gebäude.
Architektin Jule Michalik hat bei ihrer Sanierung viel davon entdeckt: "Das ist ja generell beim Sanieren von so alten Gebäuden das Coolste überhaupt. Weil klar ist: Man wird Dinge entdecken, von denen man anfangs noch nichts weiß, mit denen man nicht planen kann, die dann wieder zum Vorschein kommen."
Manches davon bleibt mysteriös. Darunter eine Erweiterung des Hauses, die 100 Jahre nach dem Stadtbrand entstand. Wie und warum genau der Querbau errichtet wurde, ist unklar. Tilmann Marstaller, ein Bauhistoriker, der für die Sanierung einbezogen wurde, hat aber einige Theorien: "Indizien sind natürlich die Ausstattungselemente, die wir sehen können."
Im Erdgeschoss gäbe es davon gar keine. "Das heißt, das Erdgeschoss ist irgendwie eine offene Halle, eine freie Halle, die gut befenstert war. Es gibt aber keine Hinweise auf Wohnausstattung. Das heißt, da wird man wahrscheinlich eine Werkstätte annehmen können. Zum Beispiel ist es denkbar, dass hier ein Schuhmacher oder so etwas drin war."
Der erste Stock des Anbaus ist noch rätselhafter. Hier gab es nur einen großen Saal, der von einem späteren Besitzer in zwei geteilt wurde. Auch ein Fenster wurde dabei komplett zugemauert und versteckt. Auch das entdeckte Michalik erst während der Sanierungsarbeiten. Immer mehr Funde machen die Arbeiten immer komplexer, doch der Architektin ist es das wert.
"Da bedarf es natürlich auch einer Bauherrschaft dazu, die dazu bereit ist, zu sagen: Ich möchte in so alte Gebäude investieren. Ich gehe dieses Risiko ein, mir ist das wichtig. Weil eben mir, als auch der Bauherrschaft, das Stadtbild und die Baukultur einfach am Herzen liegt. Und es einfach ein wichtiger Baustein der Geschichte von Reutlingen ist."
Das Gebäude ist nicht denkmalgeschützt. Viele hätten es eingerissen und durch einen Neubau ersetzt. Doch für Jule Michalik und ihren Auftraggeber ist das Haus ein Zeitzeuge. Es erzählt mit jedem Balken von einer düsteren Periode der Reutlinger Stadtgeschichte und davon, wie sie überwunden wurde. Und anders als damals lässt sich das Haus heute retten.
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