"Ausgegrenzt, Ausgeraubt, Vernichtet: Heimatlos" | Bildquelle: RTF.1

Balingen:

Ausstellung "Ausgegrenzt, Ausgeraubt, Vernichtet: Heimatlos"

Stand: 22.08.21 12:59 Uhr

Balingen 1933. Die NSDAP erhielt hier rund 50 Prozent der Wählerstimmen. Ab da an wurden Juden ausgegrenzt, ausgeraubt - vernichtet: heimatlos. So heißt auch die Ausstellung in der Zehntscheuer, die den Besuchern anhand von Geschichten aus Balingen den Schrecken von damals wieder vergegenwärtigt.


Der Hass begann vor der eigenen Haustür. Auch in Balingen. Das veranschaulicht der Stadtplan von 1936, der im Rahmen der Ausstellung „Ausgegrenzt, Ausgeraubt, Vernichtet: Heimatlos" in der Zehntscheuer zu sehen ist. Schnüre führen zu den Orten, wo einst die Firma der jüdischen Familie Schatzki oder die Praxis vom jüdischen Arzt Dr. Alexander Bloch gestanden hat.

„Das zeigt den Bürgern, diese Gebäude gibt es heute noch. Man kann sie alle sehen, dieses Leben hat tatsächlich hier stattgefunden. Wir zeigen mit den Schuhen, dass es aus den Latschen kippt, was hier passiert ist und zum anderen, dass die Leute alle weg sind, weggelaufen sind, wenn sie es noch konnten oder dass ihnen sogar die Schuhe genommen wurden am Ende", erklärt Christopher Seng, Öffentlichkeitsarbeit Archiv und Museen.

Dabei konzentriert sich die Ausstellung auf drei jüdische Familien, die in der NS-Zeit in Balingen gelebt haben, Dr. Bloch war einer von ihnen. Er wurde ausgegrenzt, seine komplette Existenz in Deutschland einfach vernichtet.

„Er wurde dann im Laufe der Zeit nicht mehr Teil der Balinger Gesellschaft. Er war anfänglich Nachbar, Arzt, Freund - schlussendlich war er nur noch Jude, und ist dann in die Schweiz emigriert und ist dort Ende der 50er Jahre gestorben. Er ist nie wieder nach Balingen zurückgekommen. Aber er hat in der Zeit, kurz nach der Emigration, immer wieder Briefe an seine ehemalige Haushälterin geschrieben und die sind alle bzw, die meisten im Stadtarchiv Balingen erhalten geblieben - ein tolles Zeitdokument", erklärt Seng.

Die Briefe machen deutlich, wie sehr es ihn schmerzt, dass er seine Heimat verlassen musste. Besucher der Ausstellung können sie selbst nachlesen – oder sogar per QR-Code anhören.

Doch es geht nicht nur um die Opfer, sondern auch um die Profiteure in der NS-Zeit. Einer davon war der Gründer des Zementwerks in der Region, Rudolf Rohrbach.

„Er konnte mit guten Beziehungen, er ist sehr früh in die NSDAP eingetreten, hatte früh Ämter, er war gut vernetzt, hatte Freunde und Förderer in der Partei und vielen Ämtern und Institutionen, und konnte so weiter aufsteigen. Und letztendlich mit Geld, was ihm anvertraut wurde, von anderen Unternehmern die jüdische Unternehmen gekauft haben weit unter Wert, konnte er seine Firma Portlandzementwerke gründen und aufbauen, und er hat es tatsächlich nach dem Krieg weitergeführt", so Seng.

Die Ausstellung zeigt zwar Geschichten aus der Vergangenheit, doch wie Christopher Seng betont, seien die Themen dennoch aktuell – gerade in Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl am 26. September. Bis zu diesem Tag ist die Ausstellung auch noch in der Zehntscheuer zu sehen.

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