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Gesellschaft für deutsche Sprache:

Jamaika-Aus ist das Wort des Jahres 2017

Das Wort des Jahres 2017 ist Jamaika-Aus. Diese Entscheidung hat heute eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden getroffen. Sie thematisiert damit nicht nur die besonderen Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung, die sich nach der Bundestagswahl 2017 ergaben, sondern lenkt den Blick auch auf eine interessante Wortbildung: Nicht nur hat der Landesname Jamaika eine neue Bedeutung angenommen, sondern auch die Aussprache wurde eingedeutscht. "Ehe für Alle" und "me too" folgen auf den Plätzen zwei und drei. Aber auch viele andere Wörter waren im Rennen.
Reichstag in Berlin

Nachdem die englische Lautung »Dschamäika« bereits seit langem zu »Dschamaika« geworden war, hört man am Wortanfang anstelle von »Dsch« heute zunehmend auch ein »J« wie in »Jahr«. – Mit der Substantivierung das Aus wird umgangssprachlich auf das Ende, das Scheitern von etwas verwiesen; die Zusammensetzung Jamaika-Aus bringt somit prägnant den komplexen Sachverhalt ›Abbruch der Sondierungsgespräche für eine schwarz-gelb-grüne Koalition‹ zum Ausdruck.

Auf Platz 2 wählte die Jury Ehe für alle. Nach einem Bundestagsbeschluss vom 30. Juni gilt seit 1. Oktober 2017 die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Die verkürzende und daher leicht falsch zu interpretierende Formulierung für alle deutet an, dass nach jahrelanger öffentlicher Debatte nun die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen in Deutschland erreicht ist. Das Wort Ehe hat dadurch eine Bedeutungserweiterung erfahren: Es bedeutet nicht mehr nur ›gesetzlich anerkannter Lebensbund zwischen Mann und Frau‹, sondern überhaupt ›gesetzlich anerkannter Lebensbund zwischen zwei Menschen‹.

Das englische me too heißt auf Deutsch ›ich auch‹. Unter dem Hashtag #MeToo (Platz 3) lief ab Oktober 2017 eine Kampagne zur Anprangerung sexueller Übergriffe. Millionen von Frauen berichten seither unter diesem Schlagwort – ein Hashtag ist eine Markierung durch ein Doppelkreuz, die in sozialen Netzwerken dazu dient, bestimmte Inhalte leichter auffindbar zu machen – über eigene derartige Erlebnisse. Dadurch soll auf das Ausmaß des Problems aufmerksam gemacht werden.

Mit der kryptischen Wortbildung covfefe (Platz 4) erregte Donald Trump Aufmerksamkeit. »Trotz der konstant negativen Pressemeldungen covfefe«, twitterte er im Mai 2017. Der 45. US-Präsident, der für politische Statements besonders gern den Kurznachrichtendienst nutzt und sich schon öfter dem Verdacht aussetzte, schneller tippen als denken zu können, hat sich dabei vermutlich einfach nur vertippt. Er erntete jedoch weltweit Hohn und Spott. Was er tatsächlich gemeint haben könnte, blieb ein Rätsel, das auch er selbst nicht auflöste. Die GfdS-Jury sah in covfefedas Symbol für den populistischen Politikstil dieser Tage: neumedial gestützte Informationsverknappung.

Der Ausdruck Echokammer (Platz 5), auch Filterblase, Informationsblase, Informationskokon oder kommunikative Inzucht, steht für die Tatsache, dass leistungsfähige Algorithmen in den sozialen Netzwerken genauestens Bescheid wissen über alle von jemandem jemals geäußerten Vorlieben und Abneigungen und ihn auf dieser Grundlage gezielt mit einer Auswahl von Informationen versehen, inhaltlich anderes jedoch unterdrücken. Dadurch können Meinungen bestärkt und Ideologien verfestigt werden, weil man letztlich vor allem das zu hören oder lesen bekommt, was man selbst bereits gut und richtig findet.

Platz 6 belegt der Ausdruck Obergrenze, mit dem die CSU monatelang die asylpolitische Debatte befeuert hatte. Sie forderte, maximal 200.000 Flüchtlinge pro Jahr aufzunehmen. Am Ende stand ein Kompromiss mit der Schwesterpartei CDU, wonach diese Zahl je nach Bedarf unter- oder auch überschritten werden kann: die flexible Obergrenze, auch atmender Deckel genannt.

Mit dem Diesel-Gipfel (Platz 7) unternahm die Bundesregierung den Versuch, drohende Fahrverbote für Dieselfahrzeuge zu vermeiden. Diese sind besonders umweltbelastend. Auf zwei Spitzentreffen von Vertretern des Bundes, der Länder und der Kommunen wurde vereinbart, mehrere Milliarden Euro für die Investition in sauberere Dieselmotoren zur Verfügung zu stellen.

Der Videobeweis (Rang 8), den es in anderen Sportarten schon seit langem gibt, wurde 2017 in die Fußball-Bundesliga eingeführt. Ein vierter Offizieller, der Videoassistent, kann aufgrund dessen per Funk mit dem Schiedsrichter Kontakt aufnehmen und seine Entscheidungen korrigieren. Doch die Regelung stieß auf Kritik, weil auch mit der neuen Technik Objektivität nicht zu erzielen ist.

Als »Denkmal der Schande« (Platz 9) hat der AfD-Politiker Björn Höcke im Januar 2017 das Berliner Holocaust-Mahnmal bezeichnet. Die GfdS-Jury unterstützt mit dieser Wahl unter die Wörter des Jahres die öffentliche Debatte um rechtspopulistischen Sprachgebrauch, der mit gezielten Provokationen und Tabubrüchen die Grenzen des in der Politik Sagbaren systematisch zu verschieben versucht. Die Anführungszeichen sollen kenntlich machen, dass es sich um ein kritisches Zitat, nicht um eine zustimmende Übernahme des Ausdrucks handelt.

Platz 10 belegt das aus dem Dänischen eingedeutschte hyggelig (dänisch hygge ›gemütlich, angenehm, nett‹), das ursprünglich im Zusammenhang mit skandinavischer Lebensart steht und in Deutschland mittlerweile für ein Lebensgefühl verwendet wird; es kann als Beleg dafür dienen, dass auch aus anderen Sprachen als aus dem Englischen Wörter ins Deutsche übernommen werden.

Die Wörter des Jahres werden 2017 zum 41. Mal in Folge bekannt gegeben. Traditionell suchen die Mitglieder des Hauptvorstandes und die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GfdS nicht nach den am häufigsten verwendeten Ausdrücken, sondern wählen solche, die das zu Ende gehende Jahr charakterisieren.

(Zuletzt geändert: Freitag, 08.12.17 - 11:24 Uhr   -   731 mal angesehen)
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