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Grosselfingen:

Das Ehrsame Narrengericht tagte

Es ist die wohl älteste ungebrochene Fasnetstradition und eine der ältesten Brauchtumsveranstaltungen der Region: das Grosselfinger Narrengericht. Alle vier Jahre verwandelt sich die Gemeinde Grosselfingen im Zollernalbkreis ins Venezianische Reich. So auch am gestrigen Sonntag-Nachmittag. Was dann geboten wird, ist ein rund fünfstündiges Narrenspiel. Die Tradition reicht bis ins 15. oder 16. Jahrhundert zurück. Urkundlich verbürgt ist das Spiel durch die Gründung der Bruderschaft im Jahre 1623.

Auch wenn das Schauspiel als „Grosselfinger Narrengericht“ bekannt ist, so ist das eigentliche Narrengericht nur ein kleiner Teil der Brauchtumstradition.  Da gibt es Festumzüge, Tänze, Gesänge und eine jedesmal gleich bleibende Handlung. Das ganze stellt hohe schauspielerische, logistische und kostümbildnerische Anforderungen an das ganze Dorf. Nicht umsonst findet es nur sehr selten statt.  "Es ist ein sehr komplexes Spiel mit dramatischer Handlung", sagte Manfred Ostertag, Narrenvogt und höchster Richter. "Es müssen viele einzelne Spielszenen einstudiert werden." Es gibt mehr als vierzig verschiedene Chargen, also Rollen mit eigener Kostümierung. Jeder von ihnen hat eine bestimmte Aufgabe, die er entsprechend den Vorgaben lösen muss. "Auch die Uniformen müssen Stimmen, und der Aufwand ist für so ein Dorf enorm", so Ostertag.
 
Die Tradition kommt nicht aus der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Vielmehr wurde das Spiel in seiner Ursprungsform bereits im 15. und 16. Jahrhundert entwickelt. Grosselfingen war damals reichsritterschaftlicher Besitz und Hauptort der Herren von Bubenhofen, auf die das Spiel zurückging.  "Der Überlieferung nach ist der damalige Ortsherr nach Venedig ausgewandert, um der Pest zu entrinnen und hat dann, um das Volk nach der Pestzeit wieder zu erheitern, dieses Spiel mitgebracht", sagte Ostertag.
 
Die prominenten Ehrengäste – unter ihnen Landrat Günther-Martin Pauli nehmen bei diesem Spiel die Rolle der Angeklagten ein. Als Komplott werden sie im Rathaus verhaftet  und vor das Narrengericht gebracht, wo sie sich verteidigen müssen. Dabei können schon manchmal Fakten auf den Tisch kommen, die vorher niemand wusste.  Die Höchststrafe -  ein Drittel des Kopfes und zweimal das halbe Leben – wird aber nie vollstreckt. Mit einer Geldstrafe lassen es die Richter bewenden.   Das heißt, nicht ganz: Denn ein bisschen dem Publikum vorführen und mit Rasierschaum einseifen gehört auch zum Spiel.  

Den Höhepunkt findet das Narrengericht dann beim Spiel um den Raub des Sommervogels.  "Der Sommervogel kommt in Gestalt einer Taube", so Ostertag. "Ohne ihn würde es im Venezianischen Reich nicht mehr Sommer." Doch die Nestwache, bestehend aus den beiden Männern, die zuletzt geheiratet hatten, wird mit einem Trunk abgelenkt, und so gelingt es den Bösewichten, den Vogel zu rauben.
 
Die Bruderschaft des Ehrsamen Narrengerichts zu Grosselfingen hat den Rhythmus der Veranstaltung von einmal in fünf auf einmal in vier Jahren verkürzt. So wird das nächste Narrengericht schon 2019 stattfinden. Denn dann kann die Bruderschaft 2023 ein ganz besonderes Jubiläum feiern.  "Die Bruderschaft wurde gegründet zur Abhaltung des Narrengerichts am 20. Februar 1623", sagte Manfred Ostertag. "Und für diese Gründung dieser Bruderschaft, dieser Marienbruderschaft, die ja jetzt noch existiert, gibt es eine Urkunde."
 
Wer aber nicht bis 2019 warten möchte, der hat am Schmotzigen Donnerstag noch mal die Gelegenheit, sich das diesjährige Narrengericht anzuschauen. Eine längere Reportage über die gestrige Veranstaltung gibt es dann am Sonntag in unserer Reihe „Vor Ort“.

(Zuletzt geändert: Montag, 09.02.15 - 16:02 Uhr   -   1841 mal angesehen)
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