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Hundersingen:

Freilichtmuseum Heuneburg - Erfolgreiche Saison für die alte Keltenstadt mit rund 25.000 Besuchern. Mediterrane Lehmziegelmauer und hethitisches Tor?

MFW / prometheus.tv - Die Besucherzahlen für das keltische Freilichtmuseum Heuneburg sind im Jahr 2014 auf rund 25.000 gestiegen. "Nach dem Abschluss der ersten Saison hat sich gezeigt, dass das neue Betreiberkonzept für das Freilichtmuseum aufgegangen ist. Bauliche Erweiterungen und ein attraktives Veranstaltungsprogramm sind Schlüssel dieses Erfolgs", teilte Staatssekretär Ingo Rust aus dem Finanz- und Wirtschaftsministerium mit. "Die Heuneburg ist eine herausragende archäologische Fundstätte und ein wichtiger Zeitzeuge der keltischen Geschichte. Das Land hat in bauliche Maßnahmen deswegen rund 880.000 Euro investiert."
Freilichtmuseum Heuneburg

Achtung: Dieser Artikel wird in den nächsten Tagen noch um weitere archäologische und geschichtliche Aspekte und Erkentnisse über die Heuneburg erweitert.

Bei der Heuneburg handelt es sich um eine befestigte keltische Siedlung an der oberen Donau. Die Kelten hatten die Heuneburg auf einem Landsporn oberhalb der Donau angelegt. Bei den Ausgrabungen auf der Heuneburg machten die Archäologen eine einzigartige Entdeckung: Die Heuneburg war von einer mediterranen Lehmziegelmauer umgeben. Das war eine wissenschaftliche Sensation: Mauern dieser Bauart sind sonst nur aus südlichen Ländern bekannt. Die Heuneburg besitzt daher die einzig bekannte Lehmziegelmauer nördlich der Alpen.

Eine weitere Sensation war die vor wenigen Jahren freigelegten Fundamente eines großen Steintores. Auf einem wissenschaftlichen Kolloqium wurde für die Machart des Steintores am Ehesten mögliche hethitische Einflüsse diskutiert [persönliche Mitteilung an den Autor]. Auch das eine wissenschaftliche Sensation.

Ganz offensichtlich handelte es sich bei der Heuneburg um einen Handels- und Machtstützpunkt, der im Kontakt und im Handel zwischen den antiken mediterranen Staaten oder Händlern und den keltischen Herrschaftsgebieten eine Rolle gespielt haben muss.

Über das Flusssystem der Rhohne wurde vom heutigen Marseille, damals eine griechische Kolonie, Wein und mediterrane Waren ins keltische Hinterland gehandelt. Von der oberen Rhone konnten die Händler über den Landweg zur oberen Donau gelangen. Und von dort stand den Händlern der Handelsweg donauabwärts bis ins Schwarze Meer offen.

In umgekehrter Richtung sind wohl Sklaven und andere Produkte, wie beispielsweise Felle, aus der keltischen Machtsphäre Richtung Mittelmeer und Schwarzes Meer geflossen.

Über die Besitzer und Bewohner der Heuneburg, für die verschiedene Besiedelungs- und Bauphasen nachweisbar sind, kann man einige, teils aus der Fundlage herleitbare, teils auch spekulative Überlegungen anstellen:

Ist die Heuneburg identisch mit der legendären keltischen Stadt "Pyrene", die antiker griechischer Schriftsteller als keltische Stadt an den Quellen der Donau erwähnt?

War die Heuneburg ein Herrschaftssitz keltischer Herrscher? Darauf deuten die aufwändigen und prunkvollen Bestattungen hin, die Archäologen in den Grabhügeln der Umgebung, aber auch in der Donauebene freigelegt haben, wie vor wenigen Jahren das nicht oder kaum geplünderte Grab einer Kelten"fürstin".

Hat die Heuneburg gleichzeitig an strategisch wichtiger Stelle (ab hier war die Donau flussabwärts schiffbar) den gewinnbringenden Handelsweg zwischen Mittelmeer, Rhone, Keltenland, Donau und Schwarzem Meer kontrolliert? War hier ein Umschlagplatz, an dem die Waren von griechisch-mediterranen Händlern an keltische Händler übergingen? 

Konnte hier von den keltischen Herrschern Macht ausgeübt und Zölle eingezogen werden?

Oder war die Heuneburg zumindest in Teilen ihrer Besiedelungsphase im Besitz oder unter dem Einfluss griechisch-mediterraner Handels- oder Adelshäuser, die hier einen markanten, weit vorgeschobenen Handels- und Militärstützpunkt tief im Keltenland hatten?

Und wie kam die hethitische Torbautechnik und die griechisch-mediterrane Lehmziegelmauer-Technik tief ins keltische Hinterland? hat hier eine mediterrane Prinzessin in ein keltisches Fürstenhaus eingeheiratet, um die Handelsbeziehungen zu vertiefen und hat sie den griechischen oder hethitischen  Baumeister gleich mitgebracht?

Oder haben mediterrane Händler neben mediterranen Sitten und Gebräuchen auch gleich ihren fachkundigen Beraterstab mitgebracht, der die einheimischen Herrscher beim Bau der Veteidigungsmauer beraten und angeleitet hat, um das gemeinsame, gewinnbringende Fernhandelsprojekt zu sichern  und zu schützen?

Zunächst waren Teile der Heuneburg von Archäologen der Universität Tübingen unter Dehn und Kimmig ausgegraben worden.

Später wurden Teile der Lehmziegel-Verteidigungsmauer sowie einige typische Häuser rekonstruiert, und als Freilichtmuseum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Viele Funde sind im nahegelegenen Keltenmuseum in Hundersingen zu bewundern. 

Begibt man sich auf die andere Seite des Donautals, so blitzt einem heute die rekonstruierte, weiß getünchte Mauer imposant vom anderen Talhang entgegen und vermittelt, welchen Eindruck von Macht, Stärke und Zivilisation die Heuneburg dem Handelsreisenden vor mehreren tausend Jahren geboten haben muss.

Ein DFG-Projekt hat es in den letzten Jahren ermöglicht, weitere Forschungen zur Besiedelunsgsgeschichte der Heuneburg und des Umlandes vorzunehmen. So konnte unter anderen die Vorstadt, die über lange Jahrzehnte für mittelalterlich gehalten worden war, ebenfalls in keltische Zeit zurückdatiert werden. Mittels Pollenanalyse wurden darüber hinaus tiefgreifende Einblicke in die Landwirtschaftsgeschichte des alten Keltenlandes gewonnen.

Freilich konnte die Gemeinde Hundersingen die Kosten für den defizitären Betrieb des Freilichtmuseums nicht mehr dauerhaft stemmen, so dass vor wenigen Jahren die komplette Schließung dieses einziartigen westeuropäschen Kleinodes zur Debatte stand, das sich bei entsprechender Vermarktung zu einem europäischen Touristenmagneten entwickeln könnte.

Das Land hatte sich ursprünglich geweigert, sich an den Kosten zu beteiligen. In zähen und schwierigen Verhandlungen zwischen dem Land, dem Trägerverein und der Gemeinde Hundersingen wurde schließlich eine neue Trägerlösung für das Freilichtmuseum entwickelt. Nicht unwichtig war hierfür die grundsätzliche Aufgeschlossenheit von Staatssekretär Rust für archäologische, landesgeschichtliche Themen.

Vielen Menschen in Baden-Württemberg, auch in Verwaltung und Poltik, ist heute noch nicht bewusst, welches ungeheure archäologisch-geschichtliches Potential das Land Baden-Württemberg besitzt:

Von den Forschungen des Tübinger Urgeschichtlers Conard, der in den Höhlen der Schwäbischen Alb, so beispielsweise dem Hohen Fels, die ältesten figürlichen Kunstwerke Europas entdeckte, bis hin zu der in ganz westeuropa einzigartigen Keltenstadt Heuneburg:

Baden-Württemberg ist ein "Hot Spot" archäologisch-urgeschichtlicher Entwicklung, und kann sich ohne Scham in eine Reihe stellen mit berühmten antiken Stätten am Mittelmeer, die Jahr für Jahr Scharen von interessierten Touristen anziehen. Freilich wäre hierfür noch ein integratives, landesweites touristisches Konzept zu entwickeln und zu etablieren, das natürlich auch Landes-Highlights wie Biosphärenreservat, Burgen und Schlösser, Nationalpark, historische Altstädte, und ebenso auch  die Outlet-City-Metzingen mit einbeziehen könnte.

Seit November 2013 betreiben die Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern e. V. und der Verein Heuneburg-Museum e. V. gemeinsam das Freilichtmuseum Heuneburg. Nach Abschluss der Saison 2014 kann nun eine erste Bilanz gezogen werden. Während die Besucherzahlen für das Freilichtmuseum seit 2011 bei rund 21.000 lagen, sind sie in der Saison 2014 auf rund 25.000 Besucher gestiegen.

Ein erstes Saison-Highlight war die Einweihung der in Teilen rekonstruierten Toranlage der Heuneburg-Vorburg mit Wall, Graben und Brückenkonstruktion im Mai 2014. Zum Besuchermagnet entwickelte sich außerdem die vom Landesamt für Denkmalpflege initiierte Sonderausstellung "Das Geheimnis der Keltenfürstin", die nach der Präsentation auf der Heuneburg auf der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd zu sehen war und nun im Ehrenhof des Neuen Schlosses in Stuttgart für Besucher offen steht.

Auf reges Interesse stießen auch die weiteren Veranstaltungsangebote des Freilichtmuseums, wie das keltisch-griechische Sommerfest, das Kinderferienprogramm, eine Lehrgrabung, wissenschaftliche Vorträge, Angebote der experimentellen Archäologie und Handwerksvorführungen.

Der Museumsträger erwartet ein finanziell ausgeglichenes Jahresergebnis. Dies ist nicht zuletzt dem Landkreis Sigmaringen mit dem regionalen Unterstützerkreis und dessen vorbildlicher Förderung zu verdanken "Damit ist es in diesem Jahr gelungen, den Betrieb der Heuneburg finanziell zu stabilisieren und die ehemalige Keltenstadt zu einem attraktiven Freilichtmuseum auszubauen", teilte Rust mit.

Neben der Rekonstruktion des Steintores hat das Amt Ravensburg des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg an der Anlage inzwischen 133 Pkw-Stellplätze und 4 Stellplätze für Busse geschaffen. Auch an stark frequentierten Tagen und Wochenenden in der Ferienzeit stehen damit für die Besucher des Freilichtmuseums Parkierungsmöglichkeiten in ausreichender Anzahl zur Verfügung.

Die Gesamtbaukosten für die Erweiterung des Parkplatzes betrugen einschließlich der archäologischen Sondierungsarbeiten rund 390.000 Euro. Das Land hat damit zusammen mit der Teilrekonstruktion der Toranlage für die Heuneburg rund 880.000 Euro für bauliche Maßnahmen aufgewendet.

Für die neue Saison 2015 plant der Museumsträger weitere Aktionen und Präsentationen, um den Besucherinnen und Besuchern neue und spannende Einblicke in die Welt der Kelten zu bieten.

Derzeit befindet sich das keltische Freilichtmuseum Heuneburg in der Winterpause. Das Freilichtmuseum öffnet wieder ab dem 4. April 2015.

Weitere Informationen:

Die Sonderausstellung "Das Geheimnis der Keltenfürstin" wird vom

21. November bis 14. Dezember 2014 im Ehrenhof des Neuen Schlosses in Stuttgart gezeigt. Öffnungszeiten: Mo-Mi und Fr.-So. 10.00 bis 17.00 Uhr, Do. 10.00 bis 19.00 Uhr. Eintritt frei. Weiterführende Informationen unter www.denkmalpflege-bw.de.

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(Zuletzt geändert: Montag, 17.07.17 - 18:49 Uhr   -   3515 mal angesehen)
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