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Gedenken an die Novemberpogrome 9.11.1938

Heute vor 79 Jahren brannten in ganz Deutschland Synagogen und jüdische Geschäfte. SA- und SS-Männer zertrümmerten Schaufenster, demolierten Wohnungen jüdischer Mitbürger und mißhandelten ihre Bewohner. Heute gilt der 9. November 1938 als Vorbote der jüdischen Vernichtung im nationalsozialistischen Deutschland.

Der Synagogenplatz in der Tübinger Gartenstraße. Bis zum 9. November 1938 stand hier die Tübinger Synagoge, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts.  Anderswo überstanden die Synagogen die Judenpogrome von 1938. So beispielsweise in Hechingen und Haigerloch, aber auch in Baisingen.  Das jüdische Leben kam dort aber während der Zeit des Nationalsozialismus zum Erliegen.
 
Bereits im 14. Jahrhundert sind Juden in Reutlingen und Tübingen nachgewiesen.  Doch zum Ende des Mittelalters wurden sie wieder vertrieben: In Tübingen war es  Uni-Gründer Graf Eberhard im Barte, der die Juden auswies.  In der Freien Reichsstadt Reutlingen erhielten die Bürger die Erlaubnis von Kaiser Maximilian, die Juden aus der Stadt zu verbannen.

Karin-Anne Böttcher ist Autorin des Buches "Es gibt Juden in Reutlingen". Sie erzählt von der Legende, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und damit die Pest im Heiligen Römischen Reich verursacht. Deshalb, so Böttcher, seien sie aus den meisten Ansiedlungen vertrieben worden. Auch für Reutlingen hieße es: Sie wurden nackt von Haus und Hof gejagt.

Doch es gab einige kleine Herrschaften, die toleranter waren als Württemberg oder Reutlingen. So zum Beispiel in Buttenhausen. Dort war es Philipp Friedrich von Liebenstein, der die Juden in Schutz nahm. Mit Erfolg: Bis 1938 blühte dort das jüdische Leben. Über Jahrhunderte hinweg lebten Menschen jüdischen und christlichen Glaubens in Buttenhausen gemeinsam. Ähnliche Entwicklungen gab es in Wankheim und in Baisingen.

 In Wankheim erinnert daran der jüdische Friedhof, auf dem später auch Juden aus Reutlingen und Tübingen bestattet wurden.

Auch die Hohenzollern nahmen die Juden in Schutz und gewährten ihnen Religionsfreiheit. Davon zeugen bis heute die Synagogen in Hechingen und Haigerloch.  Dann im 19. Jahrhundert auch in Württemberg die Niederlassungsfreiheit für jedermann. Einige Wankheimer Juden zogen nach Reutlingen und Tübingen. 
 
Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus schlug aber auch in der Region die Emanzipation der deutschen Juden in Entrechtung, Verfolgung und Deportation um. Die Geschehnisse am 9. November 1938 nehmen dabei – wie in Reutlingen - düster den späteren Massenmord vorweg: Die Inhaber der jüdischen Geschäfte wurden verhaftet und zur Aufgabe gezwungen.

Später folgte die Deportation in die Vernichtungslager. So kam Philomena Franz als Kind ins Konzentrationslager Auschwitz. Als Zeitzeugin berichtete sie 2009 in einer Tübinger Schule darüber, wie sie ihre sterbende Tante traf.  "Und dann hat sie meine Hand so festgenommen und hat gesagt: „Hör mal zu, meine Tochter: Ich weiß, ich muss sterben, aber wenn wir hassen, verlieren wir. Und verzeih denen, die uns peinigen, denn sie wissen nicht, was sie tun", berichtete Franz.
 
Rund 60 Reutlinger und Tübinger Juden wurden in die Vernichtungslager deportiert. 56 von ihnen starben dort oder wurden ermordet.  An die insgesamt Millionen Todesopfer der Shoa, auch bekannt als Holocaust, erinnern heute auch in der Region zahlreiche Gedenkveranstaltungen. 
 
In Tübingen war es unter anderem die Autorin Lilli Zapf,  in vielen Gemeinden zahlreiche Haupt- und Ehrenamtliche, die die Geschichte aufarbeiteten und die Erinnerungskultur pflegten und bis heute pflegen. Gerade in der heutigen Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt, wird es um so wichtiger, sich der Verantwortung zu stellen, die aus der deutschen Geschichte erwächst: dafür zu sorgen, dass die Vernichtung der europäischen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus niemals in Vergessenheit gerät.

(Zuletzt geändert: Donnerstag, 09.11.17 - 12:04 Uhr   -   317 mal angesehen)
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